foto: Schellenbaum


Details:


Artikel
"Klapperrappel, Memdrum und Wrummer
- Von Gänsehaut bis Bauchgrimmen"

Autor: Ines Kohl
Bayerische Zeitung, 12. Oktober 2001

 

Christof Schläger ist ein Vertreter der grenzüberschreitenden Klanginstallationen. Electric Motion heißt das internationale Projekt des in Amsterdam und Herne lebenden Künstlers. Die Assoziation an Emotion ist gewollter Zielpunkt des Projekts, das auf die Freisetzung von Emotionen beim Zuhörer und Zuschauer gerichtet ist. Der Grenzgänger Christof Schläger benutzt dazu alle ihm zur Verfügung stehenden Elemente der Akustik, Mechanik, Elektrik, Elektronik und Pneumatik, wobei ihm nicht nur ein der Pflicht gehorchend absolviertes Ingenieursstudium hilft, sondern vor allem der eigene Trieb zur Experimentierlust. Ergänzend hinzu kommen handwerkliche Fähigkeiten und geradezu geniale Problemlösungen, ein äußerst verfeinertes Gehör und ein neugieriges Ohr sowie ein offensichtlich nie verloren gegangener Spieltrieb. Als Quelle seiner Arbeit nennt der Künstler die ihn zeitlebens umgebenden Geräuschregionen seines Geburtsortes im Industriegebiet Oberschlesien und später dann des Ruhrgebietes. Das Gehör ist, wie wir wissen, noch vor dem Sehen in Aktion, vor seiner Geburt nimmt der Mensch bereits Töne wahr, weshalb Geräusche auch besonders geeignet sind, ähnlich wie Gerüche, Erinnerungen und Emotionen hervorzurufen.
Für Christof Schläger ist Geräusch das Material, das er gestaltet, das er sortiert, produziert, formt und versammelt und mit Hilfe seines surreal anmutenden Klang-Personals in den Raum und an die Trommelfelle schickt. Schläger legt vor allem auch großen Wert darauf, dass die von seinen Objekten produzierten Töne wohl computergesteuert sind, aber mechanisch entstehen. Er will mit ihnen die physikalische Existenz des Klanges gestalten, das Zusammenspiel der verschiedenen im Raum verteilten Objekte, das auf die spezielle Situation abgestimmt wird, lässt dann jeweils andersartige Klangräume entstehen. Die originellen, vom Künstler entworfenen und aus unzähligen mechanisch-elektrischen Einzelelementen zusammengesetzten Objekte oder Instrumente, die er Geräusch-

 

  Gestalten nennt und damit auch ihre Individualität, ja Personifizierung zum Ausdruck bringt, werden von Strom angetrieben und von einem dafür ausgelegten und programmierten Computernetzwerk inszeniert. Sie sind nicht nur mit Hilfe einer an das Netzwerk angeschlossenen Tastatur einzeln bespielbar, sondern erlauben dem Künstler den aktiven und interaktiven Zugriff auf alle Instrumente gleichzeitig. Auf diese Weise entsteht ein Geräusch-Gestalten-Orchester, in dem durch die Eingriffe des Künstlers nicht nur ein Konzert entsteht, sondern auch die eigenen Kompositionen interpretiert, dirigiert und variiert werden können.
Bei der konzertanten Aufführung werden die einzelnen Objekte, deren Erscheinung auch rein optisch-ästhetisch ein reines Vergnügen ist, nacheinander zum Tönen gebracht, bis sie sich zu einem umfassenden Klangdschungel vereinen. Dazwischen liegen Zirpen, Schnalzen, Flattern, Sausen, Knistern, Knacken und Rauschen, die einzelnen Töner setzen sich punktuell in Bewegung und beginnen ihr je eigenes Geräusch, die Töne hüpfen durch den Raum wie Kiesel auf dem Wasser, durchlaufen ihn in Wellen und verbreiten sich in alle Richtungen. Knackdosen knacken, Schellenbäume scheppern, Whupi, der Raumgreifer, setzt seine Membranen in Schwingung und die wuchtige Federine beginnt zu dröhnen. Allein die Lautmalerei der Namensgebung lässt die Ohren spitzen. Klapperrappel, Memdrum und Wrummer, Quäker, Knister und Zirr bespielen die Skala der Gefühle von der Gänsehaut bis zum Bauchgrimmen. Technisch liest sich das so: Magnete für Spinnereimaschinen schlagen auf Stangen und Drähte, Garagentorfedern dröhnen, Plattenspielermotoren drehen sausende Plastiktüten. Die Zuhörer und Zuschauer bewegen die Köpfe von rechts nach links, nach oben und unten und drehten sie am liebsten um 360 Grad, um dem Lauf der Töne zu folgen. Electric Motion trifft solar plexus.
 
 
   

Copyright © 2010, Helix Art vof, All rights reserved